Das Kloster Frauenthal und die Familie Knüsel

In der bald 800-jährigen Geschichte des Zisterzienserinnenklosters Frauenthal hat auch das Geschlecht der Knüsel wichtige Spuren hinterlassen. Der erste Zuger Bundesrat Philipp Etter attestierte dem Zweig der Knüsel von Ibikon gar, sie seien ursprünglich ritterlicher Herkunft gewesen. Neben weiteren Persönlichkeiten hat vor allem die Äbtissin Maria Josepha Knüsel Geschichte des Klosters Frauenthal und des Knüsel-Geschlechtes geschrieben.

Geschichte Kloster Frauenthal-01.jpgEs ist ein Kleinod in einer lieblichen Landschaft, das richtig entdeckt werden muss. Diese Erfahrung habe ich in den letzten Jahren, seit ich im Auftrag der Klosterfrauen des Zisterzienserinnenklosters Frauenthal als Führer tätig sein darf, bei allen Besuchergruppen gemacht, die ich begleiten durfte. Nur wenige Minuten vom pulsierenden Leben des zugerischen Alltags entfernt, wird die Ruhe auf der Lorzeninsel, welche das Kloster und einen Teil seiner Liegenschaften trägt, einzig durch tierische und menschliche und äusserst selten durch laute Motorengeräusche durchbrochen. Ironischerweise ist an dieser Stelle zu vermerken, dass das Kloster Frauenthal während Jahrhunderten in einer kampfgefährdeten Zone gelegen war und durch die zahlreichen Feindseligkeiten, welche sich die reformierten und katholischen Miteidgenossen lieferten, mehrmals arg in Mitleidenschaft gezogen worden ist.

Eine geistliche Stiftung mit politischem Hintergrund Die Urzellen des Klosters Frauenthal reichen bis ins Jahr 1231 zurück. Die geistliche Institution ist damit älter als die schweizerische Eidgenossenschaft. In dieser Zeit herrschte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, zu welchem ein Grossteil unseres Landes gehörte, eine politisch unstabile Situation. Die gewählten Könige, von denen einige dank ihrer Salbung und Weihe durch den Papst in Rom, den Titel Kaiser führen durften, sahen sich dauernden Angriffen der im ganzen Reich verstreut lebenden Adeligen ausgesetzt. Diese versuchten durch Städtegründungen und die Stiftung geistlicher Institutionen ihre Position gegenüber dem obersten Herrscher zu festigen und ihr Territorium zu erweitern. Das weit verzweigte Geschlecht der Herren von Regensberg-Schnabelburg-Eschenbach gründete 1185 das 1526 aufgehobene Zisterzienserkloster Kappel am Albis. Einige Jahrzehnte später stifteten Freiherr Ulrich von Schnabelburg und seine Gemahlin das Frauenkloster Frauenthal. Nach der Anerkennung durch den Papst schlossen sich die Schwestern ebenso wie die Mönche von Kappel dem benediktinischen Reformorden der Zisterzienser an. In der Klosterkirche Frauenthal finden sich die Statuen der beiden Ordensväter, Benedikt von Nursia und Bernhard von Clairvaux. An mehreren Stellen in der Kirche und im Klosterbereich sind auch die Wappen der Zisterzienser sowie der Herren von Schnabelburg zu identifizieren. Von den ersten Äbtissinnen stammten die ersten Frauen ausnahmslos aus den miteinander verbundenen Adelsgeschlechtern der Region. Die erste namentlich bekannte Äbtissin war Benigna von Hünenberg, die 1254 als Äbtissin verzeichnet ist. Kirchenrechtlich sind die Schwestern einem Vaterabt unterstellt. Dieser kam bis zur Aufhebung des Klosters von Kappel, danach übernahm der Abt des des Zisterzienserklosters Wettingen diese Aufgabe. Als der Grosse Rat des Kantons Aargau 1841 alle Klöster auf seinem Gebiet aufhob, flohen auch die Mönche aus Wettingen. Wenn auch manche von ihnen im Kanton Zug Zuflucht fanden, gelang es entgegen der Hoffnung engagierter Katholiken nicht, in Zug den Konvent weiter zu führen. Für das Kloster Frauenthal wurde deshalb der Abt des Klosters Hauterive im Kanton Freiburg als neuer Vaterabt bestimmt. 1854 nahmen die verbliebenen Mönche von Wettingen ein Angebot des damaligen österreichischen Kaisers Franz Joseph an, die leerstehenden Räume des ehemaligen Augustiner-Klosters in Mehrerau bei Bregenz zu besiedeln. Der Konvent nannte sich fortan Zisterzienserkonvent von Wettingen-Mehrerau. Der Abt übernahm von neuem die Aufgabe des Vaterabtes von Frauenthal. Diese Funktion wurde seither nur noch einmal kurz unterbrochen, als die Nationalsozialisten nach der Besetzung Österreichs die Mönche zwangen, das Kloster Mehrerau aufzugeben. Wiederum übernahm der Abt von Hauterive die Führungsaufgabe. Nach Kriegsende kehrten die Patres und Brüder aber wieder nach Mehrerau zurück und damit ruht auch heute die Funktion des Vaterabtes in der Hand des Abtes von Wettingen-Mehrerau. Seit dem 21. März 2009 ist P. Anselm van der Linde als neu gewählter Abt von Wettingen-Mehrerau im Amt.

Äbtissin Maria Josepha Knüsel – Eine markante Persönlichkeit Die erste Tochter des Knüselgeschlechtes, die in das nahe gelegene Kloster Frauenthal eintrat, war Maria Aloisia Knüsel von Meierskappel. Als die 1806 geborene Frau 1830 Konventualin wurde, befand sich die Schweiz in einer politisch schwierigen Lage. Sr. M. Aloisia Knüsel starb schon 1849. Wenige Jahre später, nämlich 1855, trat M. Dominika Knüsel aus Risch im Alter von 22 Jahren in den Orden ein. Sie stieg in der Klosterhierarchie bis zum Rang einer Subpriorin auf und starb 1909. 1897 war M. Vinzentia Knüsel im Alter von 24 Jahren Ordensfrau in Frauenthal geworden. Ihr Tod datiert in das Jahr 1936. Sie allen werden in ihrer Bedeutung übertroffen durch Äbtissin M. Josepha Knüsel. Sie kam am 25. März 1903 als Tochter des Jakob Knüsel und der Maria Elmiger im alten Bauernhaus in Ibikon zur Welt. Im Alter von 20 Jahren trat sie 1923 als Novizin in das Zisterzienserinnenkloster Frauenthal ein. Es ist wahrscheinlich, dass die Beziehung zu ihrem Onkel Eduard Knüsel, der als Verwalter im Kloster Frauenthal wirkte, diesen Entscheid wesentlich mitbeeinflusst hat. Eduard Knüsel (31. August 1873-8. April 1935) war neben seiner Aufgabe als Verwalter auch politisch tätig. Er gehörte von 1907-1935 dem Zuger Kantonsrat an. Als Revisor der Zuger Kantonalbank wirkte er in den Jahren 1917-1920 und wieder von 1931-1935. Von 1912-1918 und wieder von 1931-1935 war er auch Mitglied der Liegenschaftsschätzungskommission des Kantons Zug, die er in den Jahren 1917/18 auch präsidierte. Ein zweiter Onkel, P. Cornelius Knüsel, war Mönch des Zisterzienserordens und lebte im Kloster Wettingen-Mehrerau in Bregenz. Dessen Bruder Rafael gehörte dem Konvent des Benediktinerklosters Muri-Gries in der Südtiroler Landeshauptstadt Bozen an. Nach zwanzig Jahren Klostertätigkeit wurde Sr. M. Josepha von ihren Mitschwestern zur neuen Äbtissin gewählt und diese Wahl auch durch den Vaterabt von Wettingen- Mehrerau Abt Kassian Haid bestätigt.

Die Verwaltertätigkeiten auf dem Gutsbetrieb des Klosters Frauenthal von Eduard Knüsel-Werder 1900- 1930 und seines Sohnes Josef Knüsel-Leisibach 1930-1942 waren äusserst erfolgreich. Zum Klosterbetrieb gehörten 1900 auch noch die Pachthöfe Islikon, Hattwil, Hublezen, Stadelmatt und grosse Wäldereien. In die Amtszeit von Eduard Knüsel fielen folgende wichtige Erneuerungen: 1904 Aufhebung der so genannten *Kastvogtei dank erfolgreicher Betriebsführung. Bau eines eigenen Elektrizitätswerkes und Versorgung des Klosters und seiner Betriebe mit eigenem Strom. Ab 1907 Renovierung und Neubau von Scheunen im Klosterbetrieb und den Pachthöfen. Ausmerzung alter Kühe und Erhöhung des Viehbestandes. Fassen des Wassers auf dem höchsten Punkt der Hublezen (höchster Punkt der Gemeinde Cham) und Leiten des Wassers in ein Reservoir in der Islikon. Frauenthal und seine Betriebe werden mit eigenem Wasser versorgt. Es gelang Eduard Knüsel diese wichtigen Investitionen ohne Subventionen des Kantons durchzuführen.

Am 20. März 1930 übergab Eduard Knüsel das Verwalteramt seinem Sohn Josef Knüsel-Leisibach, (Knüselbuch II Seite 85). Josef tritt in die Fußstapfen seines Vaters und führte den Klosterbetrieb mit gleichem Erfolg weiter. Erwähnenswert sind in seiner Periode folgende Erneuerungen: 1930 Nestlé Milchkrieg bricht aus. Die Nestlé Cham kündet allen Milchbauern die Abnahmeverträge. Unter der Leitung des Klosterbetriebes Frauenthal wird in der Stadelmatt eine moderne Käserei für die Abnahme der Milch aller Klosterbetriebe gebaut und 1933 in Betrieb genommen. Das Zeitalter der mechanisierten Landwirtschaft beginnt. Das alte Elektrizitätswerk mit 125 Volt und ohne Spannungsregler hat ausgedient und wird durch ein neues Werk ersetzt. Frauenthal wird zu einer Grossbaustelle, da auch die Kanäle dem neuen Werk angepasst werden müssen. 4. Oktober 1934. Grossbrand in Frauenthal. Das Verwalterhaus, die Mühle, die Sägerei, die Fruchtscheune und eine Scheune werden total zerstört. Ein Grossteil der landwirtschaftlichen Maschinen war in der Fruchtscheune gelagert und wird ein Raub der Flammen. Der Neubau des Elektrizitätswerkes nimmt keinen Schaden. Nach dem Brand wird der Klosterbetrieb vollständig erneuert und modernisiert. Eine neue Scheune erlaubt es, den Viehbestand des Klosters auf 90 zu erhöhen. Neue moderne Maschinen ersetzen menschliche Hilfskräfte. Das bekommt auch das Kloster zu spüren. Man sieht weniger Klosterfrauen auf dem Felde schwere Arbeiten verrichten. 1939 bricht der zweite Weltkrieg aus. Der Wahlen Plan tritt in Kraft und verlangt von den Landwirtschaftsbetrieben mehr Leistung zur Versorgung der Bevölkerung. Das Kloster Frauenthal ist durch die erfolgte Modernisierung auf diese Aufgabe gut vorbereitet. Leider kann sich Verwalter Josef Knüsel der Leitung des Betriebes nicht mehr voll widmen, ist er doch als Offizier und Truppenkommandant fast ständig im Aktivdienst. 1942 gibt er sein Amt ab und kauft einen Hof in Oberwil Cham. Im April 1942 tritt Georg Moos, Landwirtschaftslehrer, das Amt des Verwalters in Frauenthal an. Am 14.12.1967 verunfallte er tödlich. Sein Nachfolger wurde der noch heute in Frauenthal tätige Sebastian Meier.

Geschichte Kloster Frauenthal-02.jpgDer Beginn der Amtszeit der neuen Äbtissin fiel in die Endphase des Zweiten Weltkrieges. Zusammen mit den wenigen anderen verbliebenen Klöstern des Zisterzienserordens in der Schweiz bot sie Hand zur Aufnahme des Konvents von Wettingen-Mehrerau. Die dort lebenden Mönche, darunter auch solche aus der Schweiz, waren seit 1938 unter der nationalsozialistischen Regierung Österreichs Drohungen und Repressalien ausgesetzt. Schliesslich wurden die Mönche ausgewiesen und fanden Zuflucht in der Schweiz. Nach Kriegsende konnte Äbtissin M. Josepha Knüsel daran gehen, einige ihrer Reformprojekte zu verwirklichen. Beobachter Philipp Etter war beeindruckt von der Frohmütigkeit und der Zuneigung zu Musik und Gesang der Klosterfrauen. Während die Äbtissin die liturgischen und theologischen Vorschriften über Chorgebet und Kirchengesang unangetastet beliess, förderte sie die musikalische Ader ihrer Mit- Schwestern ausserhalb der Kirche. Bedeutsamer und wagemutig war die Initiative der Mutter Äbtissin die bäuerliche Haushaltungsschule neu zu gründen. Sie griff damit 1953 auf eine alte Klostertradition zurück, musste aber doch der Tatsache Rechnung tragen, dass sich das Umfeld solcher Schulen verändert hatte. Eine weitere Entscheidung der Äbtissin trug für das Kloster Frauenthal Pioniercharakter.

1957 nahm sie die Gründung eines Filial- Konventes in den Vereinigten Staaten vor. Aus dem Stammkloster Frauenthal gingen vier Klosterfrauen und zwei Laienschwestern nach Wisconsin in den St. Ida’s Convent, der auch den Namen New Frauenthal trägt. Zu den Gründungsschwestern des neuen Konventes gehörte auch Sr. Ida Knüsel (Profess 1925), die in St. Ida’s als Subpriorin eingesetzt wurde. Die Äbtissin selbst besuchte die neue Niederlassung und durfte mit Genugtuung feststellen, dass der junge Konvent aufblühte. Das Priorat Valley of Our Lady in Prairie du Sac gehört heute ebenfalls zum Verantwortungsbereich des Klosters Wettingen-Mehrerau. Maria Josepha förderte aber auch die Erforschung der Geschichte des Klosters. 1966 erschien aus der Feder des Zuger Kantonsschullehrers und Historikers Dr. Eugen Gruber das umfangreiche bis heute wegweisende Werk „Geschichte von Frauenthal“. Persönlich schrieb Äbtissin M. Josepha darin einen von tiefer Gläubigkeit getragenen Artikel über den klösterlichen Alltag, der früh bei Tagesanbruch beginnt. So empfand es Philipp Etter als symbolisches Zeichen, dass Äbtissin M. Josepha Knüsel in den ersten Morgenstunden des 28. Juli 1967 verschied, beinahe zu jener Zeit, da ihre Mitschwestern in der Kirche das erste Morgengebet, die „Matutin“ sangen.

Zug, 10.4. 2009
Dr. Christian Raschle, Stadtarchivar von Zug/Eduard Knüsel, Zug
Eduard Knüsel, Redaktor Knüselzeitung, Zug (Knüselbuch II, Seite 85)

Literatur
Gruber Eugen, Geschichte von Frauenthal, Zug 1966
Zuger Nachrichten 1935/Nummer 43 und 1967/Nummer 91

*Kastvogtei: Im Mittelalter verstand man darunter die Schutzaufsicht weltlicher Herrscher über Klöster und Stifte. Dies erlaubte ihnen Eingriff in die klösterliche Wirtschaftsführung (Kasten=Speicher), die Kontrolle über die dem Kloster zustehende Gerichtsbarkeit und die Vertretung eines Klosters gegen aussen und vor Gericht. Der Kastvogt war auch für den militärischen Schutz des anvertrauten Klosters zuständig. Als Gegenleistung erhielt der Kastvogt Anteil an Einkünften aus dem Kloster. Später übernahmen Städte die Funktion des Kastvogtes, so die Stadt Zug 1386, als sie den Schwestern von Frauenthal das Burgrecht in der Stadt gewährte. Mit zunehmender Dauer wurden die Wirtschaftsfunktionen des Kastvogtes wichtiger als die militärischen.